Eine Frau, mit der man über alles sprechen kann

oder: Gebratener Butterfisch auf Tagliatelle in Ingwer/Limetten-Kokosmilch




Ich hasse Sushi, sagte sie lächelnd, und dunkle Schokolade ist auch nicht mein Ding, und mir schoss das Blut ins Gesicht. Warum hatte ich sie nicht vorher gefragt? Warum hatte ich ein komplettes japanisches Menü in diesem Möchtegernnouvellecuisineaufinternationalundasiatischmodern bestellt. Wie konnte ich nur so blind sein und von den eigenen Essgewohnheiten ausgehen. Ich war so sicher, dass eine Frau wie diese, die so aussieht und so eine Figur hat, Fisch liebt und fettarme und gesunde Küche überhaupt. Dabei hatte ich noch im Wörterbuch nachgesehen, was Nouvelle Cuisine überhaupt bedeutet ausser "Neue Küche". Ich las "Der Begriff Nouvelle Cuisine wurde wahrscheinlich 1768 im Dictionnaire sentencieux als kritischer Seitenhieb auf die Abkehr von bisherigen bürgerlichen, einfachen Kochgewohnheiten erstmals erwähnt. Heute versteht man unter diesem Begriff eine in den Neunzehnsiebzigern in Frankreich entwickelte, wenig opulente Kochkunst, die sich um die Bewahrung des Eigengeschmacks von Nahrungsmitteln bemüht." Ja, das hatte mich wirklich beeindruckt, darum dachte ich auch, damit kann man beeindrucken, mit Begriffen wie "wenig opulente Kochkunst" oder "Bewahrung des Eigengeschmacks von Nahrungsmitteln". Das Ganze noch auf asiatisch. Super. Hatte ich jedenfalls geglaubt. Bis jetzt gerade. Gottseidank sind wir noch nicht bei der Nachspeise, denn das mit der Schokolade wäre die nächste programmierte Niederlage gewesen. Ich lächelte zurück und hörte mich sagen: Ich wusste nicht, dass Du Fisch nicht magst... Nein, sagte sie, das ist es nicht, ich liebe Fisch, aber Sushi hasse ich. Wegen dem Reis? fragte ich zurück. Nein, meinte sie, dieses rohe Fleisch ist einfach nicht mein Ding. Sieh mal diese beiden grossen Stücke Butterfisch, fing sie an zu dozieren, Butterfisch, ein wunderbares Tier, lebt im Meer an den Küsten von Nord- und Ostsee, um Island und Norwegen bis südlich zur Biskaya. Festes weisses Fleisch, duftet beim Braten in Olivenöl ganz leicht nach Fisch, aber nicht zu sehr, zergeht auf der Zunge.... Wie würdest Du die beiden Stücke zubereiten? fiel ich ihr ins Wort. Ganz einfach, antwortete sie und richtete sich wissend auf, zuerst die Filets sss... Was meinst Du mit sss? fragte ich zurück. Sie lächelte schon wieder. Ganz einfach: säubern, salzen, säuern, das heisst eine Limette auspressen, den Butterfisch damit beträufeln und kalt stellen. Dann von der Limette die Schale abreiben, ein Stück Ingwer schälen und reiben und ein oder zwei Knoblauchzehen fein hacken. Eine Handvoll Tagliatelle in Salzwasser kochen, in der Zwischenzeit eine Dose Kokosmilch ungefähr fünf Minuten lang dick einkochen, den übrigen Limettensaft und die geriebene Schale, sowie den Ingwer und den Knoblauch dazugeben. Ein wenig Salz könnte auch hier nicht schaden. Unsere beiden Butterfisch-Filets in Olivenöl braten, aber nicht zu heiss und nicht länger als drei oder vier Minuten, bis sie schön goldbraun an Rändern sind. Jetzt wird`s spannend: Die abgetropften Tagliatelle mit der Kokosmilch mischen und anrichten. Frischen Koriander darauf verteilen. Butterfisch darauf setzen. Fertig. Als Beilage würde ich noch geschmackvolle kleine Tomaten, aber solche auf auf Rispen, gratinieren und als rote Farbtupfer mit aufs Teller geben. Wenn du einen sehr trockenen und leichten kalt servierten Weisswein zu Hause hättest oder einen portugiesischen Vinho Verde, würde ich sagen, lass uns die beiden Butterfische einpacken und verschwinden.

Das taten wir dann auch. Und diskutierten noch lange in meiner Wohnung darüber, ob der Butterfisch jetzt lateinisch "Poronotus triacanthus" oder “Pholis gunnelus“ heisst. Eine Frau, mit der man über alles sprechen kann. Ich werde sie wieder mal zum Essen einladen.

Zutaten für 4 Portionen:

1,5 kg Butterfischfilet
1 Packung Tagliatelle
1 Bund Koriander
2 mittelgroße Limetten
1 Stück Ingwer (5 cm)
3 Zehen Knoblauch
0,5 kg kleine Tomaten auf Rispen

Lions Villota

 
>