Hüttenabend

oder: Kasnockn für vier Personen



Bei einem Grundriss von etwa vier mal vier Metern von einer Hütte zu sprechen, war vielleicht ein ganz klein wenig übertrieben. Und doch war alles da. Eine alte Eckbank, ein noch älterer gusseiserner Herd, der gierig Holz verschlang, eine bezaubernd einfache Bauernkredenz und eine selbstgemachte Leiter, die durch eine Luke in der Decke direkt unter das Schindeldach führte. Der Raum dort oben, war unter dem Giebel gerade einmal eineinhalb Meter hoch und senkte sich zu beiden Seiten ab. Die Ausstattung: Matratzen die den Holzboden bedeckten, ein paar alte Schlafsäcke und Decken und natürlich, wie auch unten, ein paar Kerzen. Vor dem winzigen Giebelfenster pfiffen die Schneeflocken, vom kalten Eiswind getrieben, fast waagrecht vorbei. Die kleine Hütte wurde vom Herd spielend warm gehalten, ganz egal, was sich der Winter da draußen für diese Nacht noch ausdenken mochte.

An so einem Abend und an so einem Ort, gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten für das Abendessen. Entweder ein Brat’l aus dem Holzofen oder Kasnockn aus der schmiedeeisernen Pfanne. Ersteres fiel wegen der kleinen Zahl an Genusssüchtigen aus, sie gönnten sich diesen Abend nur für sich selbst. Also blieben noch die Kasnockn. Dispute über die Art der Zubereitung und die möglichen Zutaten, gehörten der Vergangenheit an. Als Salzburger mit Pinzgauer Wurzeln hatte er bis aufs Blut um die Unantastbarkeit der Pinzgauer Kasnockn gekämpft. Sein Familienrezept war sakrosankt. Gerade die stoische Ruhe, mit der er in der Vergangenheit all ihre Vorschläge vom Herd fegte, hatte sie herausgefordert es immer wieder zu Versuchen – vergeblich. Knoblauch, Speck, beidseitiges Anbraten und andere Kunstgriffe von seiner Meinung nach geistlosen Kochhooligans, alles zerschmetterte an ihm und am unvergleichlichen Geschmack „seiner“ Kasnockn. Ihr zeitweiliges Sticheln hatte nur noch die Intention die witzigen Dialoge immer wieder anzufachen, die bereits wie ein Ritual zu ihrem romantischen Hüttenabend gehörten. Den Käse für diesen Abend hatte er auf einem kleinen Pinzgauer Martinimarkt erstanden und vorerst noch vor der Türe gelagert. Tränen hatte sie gelacht, als er sich wie ein kleines Kind über den Fund freute, aber nur solange, bis er das erste mal die vielschichtige Zeitungsverpackung zurückschlug. Den Bierkäse aus dem Supermarkt kannte sie natürlich und war ob des deftigen Geruchs gewarnt. Der Odem, den dieses Eck verströmte, stellte aber alles vorangegangene in den Schatten. Am liebsten hätte sie ihn zum Würfeln des Käse in den Schneesturm verbannt, statt dessen half sie ihm beim Schneiden, allein mit dem Hintergedanken, dass der olfaktorische Wutausbruch etwas schneller in der mitgebrachten Tupperdose verschwinden würde, während er den Nockerlteig anrührte. Es wunderte sie immer noch, dass vom ungehobelten Geruch und deftig-derben Geschmack im fertigen Gericht nichts übrig blieb, als das vollmundig-rustikale Aroma, für das sie dieses Essen so liebte. Er musst beim Zubereiten jedes Mal an seine Saalbacher Tante denken. Ihr trockenes Statement zu Kasnockn lautete „umso mehr Kas, desto bessa“. Lenkte er seine Gedanken weiter und rief sich in Erinnerung wie dieses Traditionsgericht in vielen Gasthäusern aussah, die Köche dort benutzten den teuren Käse in homöopathischen Dosen, bestenfalls als Bindemittel zwischen den Industrienockerl, wunderte ihn kein bisschen, dass er in der Winterzeit oft von Verwandten und Freunden zum Kochen gebeten wurde.


Sie saß währenddessen bei einem kleinen Bier auf der Eckbank und beobachtete ihn, wie er Mehl, Eier, Salz und warmes Wasser miteinander vermengte und daraus einen zähflüssigen Teig schlug. Als sie sich kennen gelernt hatten, brachte sie der Anblick des großen, breitschultrigen Mannes, der sich mit inniger Hingabe auch um die diffizilsten Zubereitungsabläufe kümmerte, oftmals zum Lachen. Und selbst jetzt schmunzelte sie noch, als er ihr zum hundertsten Mal erzählte, wie wichtig es sei, den Teig mit warmem Wasser anzurühren, nicht mehr als nötig zu schlagen und danach nicht zu lange stehen zu lassen, sonder gleich durch dass Nockerlsieb ins kochende Wasser zu drücken. Eine heftige Bö erfasste die Hütte, breitete sich über den Kamin in den Ofen aus und ließ dort die Flammen aufheulen. „Jetzt fehlt nur noch eine Hexe, die mit heiserem Kichern auf Ihrem Besen das Dach umkreist und die Märchenstimmung wäre perfekt“ unterbrach sie seine kulinarischen Ausführungen. „Mir genügt die eine hier drinnen“ kam es ohne Verzögerung retour, begleitet von einem heiteren Lächeln. „Ich hab dich auch lieb“ gab sie zurück und hängte an „Soll ich den Schlosskäse schneiden?“. „Mach ich schon...“ tönte es vom Herd „...aber die Zwiebeln wären noch übrig.“ Eine halbe Stunde später saßen sie eng aneinadergekuschelt in der Ecke der Bank und aßen gemeinsam aus der Pfanne. Eine große Schüssel grüner Salat stand daneben. „Eigentlich sind Kasnockn ja eher was für eine gesellige Runde“, meinte sie zwischen zwei Bissen und fand seine Zustimmung. „Aber um nichts in der Welt würde ich diesen Abend tauschen“ fuhr sie fort, „es ist als wäre die ganze Welt in diesem winzigen Ort hier“. Draußen schneite es heftig.

Kasnockn für vier Personen:

60 dag Pinzgauer Bierkäse
2 Stk. roten Schlosskäse
2 Eier
30 dag Mehl
1 Zwiebel
1 Bund Schnittlauch (frisch!)
Butter
Salz, Pfeffer

Bierkäse und Schlosskäse würfelig schneiden. Einen großen Topf mit gut gesalzenem Wasser zustellen. Zum Mehl ein ganzes Ei schlagen und vom zweiten Ei den Dotter dazugeben. Gut salzen und mit warmem Wasser solange von Hand verrühren (Schneebesen), bis ein zähflüssiger Teig entsteht. Den Teig durch das bewegte Nockerlsieb in das kochende Wasser drücken – ca. 5 Minuten kochen, abseien und kurz mit kaltem Wasser duschen.
Ein großes Stück Butter in der Pfanne schmelzen und den kleingeschnittenen Zwiebel bei mittlerer Temperatur anschwitzen. Die Nockerl dazugeben und kurz anwärmen, dann den Käse dazugeben und gut durchmischen. Das ganze jede Minute einmal umrühren, damit sich alles gut vermengt. Wenn der Käse richtig geschmolzen ist, die Oberfläche glatt streichen und ein paar Flocken Butter darauf geben. Den Herd aufdrehen, damit sich unten eine schöne Kruste bilden kann. Wenn es leicht angebrannt riecht, keine Panik. Pfanne vom Herd, Pfeffern und mit Schnittlauch bestreuen. Grüner Salat und Bier dazu – fertig.

Hurz

 
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