McGlühwein



„Es kann schon sein, dass DU es nicht schmeckst“ schalt er seinen Freund, „von hamburger-verwöhnten Geschmacksknospen erwarte ich mir auch nur ein zurückhaltendes Maß an sensorischer Subtilität“ setzte er noch nach. „Mehr als süß und salzig braucht es bei einer Drive-In-Orgie ja nicht. Salzig für McMatschburger und süß für McPampentasche“. Kaum hatte er den Satz vollendet, brach die Vierer-Runde in schallendes Gelächter aus.
Der Anlass für den Disput war im Grunde ein fröhlicher. Seit Jahren trafen sich die vier Männer sobald der erste Schnee gefallen war zur Glühweinrunde im kleinen Kreis. Da jedes Jahr ein anderer an die Reihe kam, das bereits in der Antike (als kalter Gewürzwein) bekannte Getränke beizusteuern, ging der Weinkelch dieses Jahr nicht an Willi vorüber. Willi liebte gutes Essen, nichtsdestotrotz gab er sich viel zu oft einem alten Außendienst-Leiden Namens Fast-Food hin, was, in leicht abgewandelter Form, auch die Ursache für vorangegangenes Zwiegespräch war. Denn kurz davor griff er vor den fassungslosen Gesichtern seiner Freunde in ein, nur wenig Gutes verheißendes, Billa-Sackerl und zog ein paar Flaschen Fertigglühwein hervor. „Das ist jetzt nicht dein Ernst“ stammelte Nobert. Und selbst Michael, der bestenfalls in einem Einrichtungshaus in die Nähe einer Küche kam, starrte auf die Flaschen mit dem roten Teufel auf dem Etikett und suchte ergebnislos nach den richtigen Worten. „Jetzt tut nicht so blasiert. Ich hab den schon getrunken, der ist in Ordnung und ich hatte echt keine Zeit mich noch hinzustellen.“ plusterte sich Willi auf und wuchs dabei auf stattliche einsachtundsechzig.
Als die letzten Lacher verebbten, erfüllte bleiernes Schweigen die große Wohnküche. „Also gut – machen wir was, sonst geht der Abend vorbei und wir kommen nicht mehr dazu über Willi zu lästern.“ Markus’ Blick löste sich langsam von Willi und seinem Adventmarktgeschlabber. Und an Norbert gewandt „Du kennst dich im Keller eh aus. Bitte nimm Michael mit und baut draußen den Feuerkorb auf. Holz liegt in der Garage. Ich habe unseren Ronald McDonald gerade dazu verurteilt Glühwein zu machen. In einer halben Stunde sind wir fertig.“ Willi verzog das Gesicht und äffte den rechthaberischen Ausdruck seines Freundes nach. „Du kannst Grimassen schneiden, bis du aussiehst wie ein Doppelwopper – mir egal. Du machst jetzt Glühwein unter Aufsicht. Von dem Zeug bekommt man ja Blasen im Hirn und runde Knie“ ätzte Markus während er ein paar ungespritzte Orangen aus der Obstschüssel nahm. Giftmischer, Meuchelmörder, Terrorist und andere "Komplimente" drangen derweilen gedämpft über die Kellerstiege herauf. Willi grinste, stellte den größten Topf den er fand auf den Herd und räumte seinen Einkauf beiseite. Es wurde ein ziemlich witziger Abend.

2 Flaschen Beaujolais*
2 ganze Orangen, ungespritzt
1 Vanilleschote
2 Kaneel-Stangen (Zeylon-Zimt)
5 Gewürznelken
2 ganze Kardamomsamen (Hülle entfernen falls vorhanden)
1 Apfel, ungespritzt
Süßen nach Geschmack mit Rohzucker


* Wein ist eine Glaubensfrage. Bei uns gerne verwendete Fruchtbomben wie Zweigelt oder Blaufränkisch aus dem Burgenland, sind uns vieren zu intensiv und unterdrücken den Eigengeschmack der Gewürze etwas zu sehr. Auch ein Bordeaux eignet sich als Mittelweg gut. In jedem Fall aber gilt, der Wein darf nie so stark erhitzt werden, dass er kocht.

Wein in den Topf gießen und bei mittlerer Flamme erwärmen. Orangen halbieren und auspressen. Saft und Schale in den Topf geben. Vanilleschote der Länge nach aufschneiden und auskratzen und das Mark in den Topf geben. Kaneel, Nelken und Kardamom im Mörser zerstoßen und gut mit dem Wein verrühren. Den Apfel entkernen, in Spalten schneiden und in den Topf geben. Eine gute halbe Stunde ziehen lassen. Abschließend Zuckern.
Wer genug Zeit hat, sollte den Glühwein erst eine halbe Stunden bei mittlerer Temperatur ziehen, dann abkühlen und ein paar Stunden ruhen lassen. Wieder erwärmen und servieren.

 
>